Berechnung von Binomialwahrscheinlichkeiten
Die Binomialformel in der Praxis
Die Wahrscheinlichkeit, bei \( n \) unabhängigen Versuchen mit Erfolgswahrscheinlichkeit \( p \) genau \( k \) Erfolge zu erzielen, berechnet sich mit der Binomialformel:
$$P(X = k) = \binom{n}{k} \cdot p^k \cdot (1-p)^{n-k}$$
In der Praxis sind häufig nicht Einzelwahrscheinlichkeiten gefragt, sondern kumulierte Wahrscheinlichkeiten: „höchstens \( k \)“, „mindestens \( k \)“ oder „zwischen \( k_1 \) und \( k_2 \)“. Diese erfordern das Aufsummieren mehrerer Binomialwahrscheinlichkeiten.
Typische Fragestellungen und ihre Berechnung
Genau \( k \) Erfolge: Direkte Anwendung der Formel.
Höchstens \( k \) Erfolge:
$$P(X \leq k) = \sum_{i=0}^{k} \binom{n}{i} p^i (1-p)^{n-i}$$
Mindestens \( k \) Erfolge (Gegenwahrscheinlichkeit):
$$P(X \geq k) = 1 – P(X \leq k-1)$$
Zwischen \( k_1 \) und \( k_2 \) Erfolge:
$$P(k_1 \leq X \leq k_2) = P(X \leq k_2) – P(X \leq k_1 – 1)$$
Beispiel: Qualitätskontrolle
Ein Hersteller weiß, dass 5 % seiner Produkte fehlerhaft sind. In einer Stichprobe von 20 Stück wird geprüft. \( X \sim B(20; 0{,}05) \).
Genau 2 defekte: \( P(X=2) = \binom{20}{2} \cdot 0{,}05^2 \cdot 0{,}95^{18} = 190 \cdot 0{,}0025 \cdot 0{,}3972 \approx 0{,}189 \).
Höchstens 1 defektes: \( P(X \leq 1) = P(X=0) + P(X=1) = 0{,}95^{20} + 20 \cdot 0{,}05 \cdot 0{,}95^{19} \approx 0{,}3585 + 0{,}3774 = 0{,}7359 \).
Mindestens 3 defekte: \( P(X \geq 3) = 1 – P(X \leq 2) = 1 – (0{,}3585 + 0{,}3774 + 0{,}1887) \approx 1 – 0{,}9246 = 0{,}0754 \).
Berechnung mit dem GTR
Für größere Werte von \( n \) wird die händische Berechnung mühsam. Der GTR bietet zwei Funktionen:
- binompdf(n, p, k): Berechnet \( P(X = k) \) (Einzelwahrscheinlichkeit)
- binomcdf(n, p, k): Berechnet \( P(X \leq k) \) (kumulierte Wahrscheinlichkeit)
Mit binomcdf lassen sich alle Fragetypen beantworten: \( P(X \geq k) = 1 – \text{binomcdf}(n, p, k-1) \) und \( P(k_1 \leq X \leq k_2) = \text{binomcdf}(n, p, k_2) – \text{binomcdf}(n, p, k_1-1) \).
Tabellen der kumulierten Binomialverteilung
In vielen Formelsammlungen finden sich Tabellen, die \( P(X \leq k) \) für verschiedene Werte von \( n \) und \( p \) auflisten. Man liest den gewünschten Wert ab und rechnet bei Bedarf um. Bei der Verwendung ist auf die korrekte Zuordnung von \( n \), \( p \) und \( k \) zu achten.
Strategien bei „Mindestens“-Aufgaben
Aufgaben wie „Mit welcher Wahrscheinlichkeit tritt mindestens ein Erfolg auf?“ löst man am besten über die Gegenwahrscheinlichkeit: \( P(X \geq 1) = 1 – P(X = 0) = 1 – (1-p)^n \). Dies ist einfacher als \( P(X=1) + P(X=2) + \ldots + P(X=n) \) zu summieren.
Beispiel: Bei 10 Würfen: Wie wahrscheinlich ist mindestens eine 6? \( P(X \geq 1) = 1 – \left(\frac{5}{6}\right)^{10} \approx 1 – 0{,}1615 = 0{,}8385 \). Mit fast 84 % Wahrscheinlichkeit fällt mindestens eine 6.
Bestimmung von \( n \) bei vorgegebener Wahrscheinlichkeit
Manchmal ist gefragt: Wie viele Versuche braucht man, damit \( P(X \geq 1) \geq 0{,}99 \)? Aus \( 1 – (1-p)^n \geq 0{,}99 \) folgt \( (1-p)^n \leq 0{,}01 \), also \( n \geq \frac{\ln(0{,}01)}{\ln(1-p)} \). Für \( p = \frac{1}{6} \): \( n \geq \frac{-4{,}605}{-0{,}1823} \approx 25{,}3 \), also mindestens 26 Würfe.
Zusammenfassung
Binomialwahrscheinlichkeiten berechnet man direkt mit der Formel, über kumulierte Werte oder mit dem GTR. Die Gegenwahrscheinlichkeit ist bei „Mindestens“-Aufgaben der eleganteste Weg. Der GTR mit binompdf und binomcdf deckt alle Fragetypen ab. Das Bestimmen der nötigen Versuchszahl \( n \) für eine vorgegebene Mindestwahrscheinlichkeit führt auf logarithmische Ungleichungen. Die sichere Beherrschung dieser Berechnungen ist Voraussetzung für Hypothesentests und Konfidenzintervalle.