Abstand Punkt–Gerade

Abstand Punkt–Gerade

Problemstellung

Der Abstand eines Punktes \( P \) von einer Geraden \( g \) ist die kürzeste Entfernung zwischen \( P \) und der Geraden. Geometrisch ist dies die Länge des Lotes von \( P \) auf \( g \), also der senkrechte Abstand.

Methode 1: Kreuzprodukt-Formel

Sei \( g: \vec{x} = \vec{a} + t\vec{u} \) eine Gerade (Stützpunkt \( A \), Richtungsvektor \( \vec{u} \)) und \( P \) ein Punkt. Der Abstand berechnet sich als:

$$d(P, g) = \frac{|\overrightarrow{AP} \times \vec{u}|}{|\vec{u}|}$$

Diese Formel nutzt die geometrische Bedeutung des Kreuzprodukts: \( |\overrightarrow{AP} \times \vec{u}| \) ist der Flächeninhalt des Parallelogramms, das von \( \overrightarrow{AP} \) und \( \vec{u} \) aufgespannt wird. Teilt man durch die Grundseite \( |\vec{u}| \), erhält man die Höhe – also den gesuchten Abstand.

Beispiel: Punkt \( P(1, 3, 0) \), Gerade \( g: \vec{x} = \begin{pmatrix}0\\0\\0\end{pmatrix} + t\begin{pmatrix}1\\0\\1\end{pmatrix} \).

\( \overrightarrow{AP} = \begin{pmatrix}1\\3\\0\end{pmatrix} \), \( \vec{u} = \begin{pmatrix}1\\0\\1\end{pmatrix} \).

$$\overrightarrow{AP} \times \vec{u} = \begin{pmatrix}3\cdot1-0\cdot0\\0\cdot1-1\cdot1\\1\cdot0-3\cdot1\end{pmatrix} = \begin{pmatrix}3\\-1\\-3\end{pmatrix}$$

$$d = \frac{\sqrt{9+1+9}}{\sqrt{2}} = \frac{\sqrt{19}}{\sqrt{2}} = \sqrt{\frac{19}{2}} \approx 3{,}08$$

Methode 2: Lotfußpunkt über Parameter

Man bestimmt den Lotfußpunkt \( F \) auf der Geraden, indem man verlangt, dass \( \overrightarrow{FP} \perp \vec{u} \). Der Punkt \( F \) hat die Form \( \vec{f} = \vec{a} + t_0 \vec{u} \), und die Orthogonalitätsbedingung lautet:

$$\overrightarrow{FP} \cdot \vec{u} = 0 \quad \Leftrightarrow \quad (\vec{p} – \vec{a} – t_0\vec{u}) \cdot \vec{u} = 0$$

Auflösen nach \( t_0 \):

$$t_0 = \frac{(\vec{p} – \vec{a}) \cdot \vec{u}}{|\vec{u}|^2} = \frac{\overrightarrow{AP} \cdot \vec{u}}{|\vec{u}|^2}$$

Anschließend berechnet man \( F = A + t_0 \vec{u} \) und den Abstand als \( d = |PF| \).

Im Beispiel: \( t_0 = \frac{\begin{pmatrix}1\\3\\0\end{pmatrix} \cdot \begin{pmatrix}1\\0\\1\end{pmatrix}}{2} = \frac{1}{2} \). Lotfußpunkt: \( F = \begin{pmatrix}0{,}5\\0\\0{,}5\end{pmatrix} \). Abstand: \( |PF| = \sqrt{0{,}25 + 9 + 0{,}25} = \sqrt{9{,}5} = \sqrt{\frac{19}{2}} \) ✓.

Methode 3: Hilfsebene

Man konstruiert eine Hilfsebene durch \( P \) senkrecht zur Geraden (Normalenvektor \( = \vec{u} \)), bestimmt den Schnittpunkt dieser Ebene mit der Geraden (das ist der Lotfußpunkt \( F \)) und berechnet den Abstand \( |PF| \). Dieser Weg ist konzeptionell klar, aber rechnerisch aufwendiger.

Vergleich der Methoden

Die Kreuzprodukt-Formel liefert den Abstand am schnellsten, wenn nur der Zahlenwert gefragt ist. Die Lotfußpunkt-Methode liefert zusätzlich den Fußpunkt selbst, der für Spiegelungen und andere Konstruktionen benötigt wird. Die Hilfsebenen-Methode ist die anschaulichste, aber rechnerisch die aufwendigste. In Prüfungen ist die Lotfußpunkt-Methode am vielseitigsten.

Zusammenfassung

Der Abstand eines Punktes von einer Geraden kann über die Kreuzprodukt-Formel, die Lotfußpunkt-Methode oder eine Hilfsebene berechnet werden. Die Kreuzprodukt-Formel ist am kompaktesten, die Lotfußpunkt-Methode am vielseitigsten. Der Lotfußpunkt ergibt sich aus der Orthogonalitätsbedingung und liefert den nächstgelegenen Punkt auf der Geraden. Die Fähigkeit, den Punkt-Gerade-Abstand zu berechnen, ist eine Kernkompetenz der analytischen Geometrie.